DIE SUCHE NACH DEN SAMEN

17
Aug

DIE SUCHE NACH DEN SAMEN

Oder: Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!

Dieses deutsche Sprichwort lässt sich in Indien gar nicht so einfach umsetzen. Trotzdem lohnt sich der Versuch, wie Mathews und Leelamoonys BASIS-Projekt hier in Kerala zeigt. Dabei ergeben sich immer wieder Schwierigkeiten – und so kann etwas Banales wie der Einkauf von Pflanzensamen schnell einmal zum Abenteuer werden.

Sechs Uhr morgens: Mathew, sein Mitarbeiter Pradeep und ich machen uns auf den Weg. Wir wollen nach Cumbum in den Nachbarstaat Tamil Nadu fahren, da Mathew dort ein Geschäft für gute Pflanzensamen kennt. Für sein Projekt, mit dem er Hobby-Landwirtschaft hier in der Umgebung fördern will, hat er vom Landwirtschaftsamt die Aufgabe bekommen, 60.000 Setzlinge großzuziehen, die dann in den umliegenden Dörfern verteilt werden. Die Kosten hierfür wird das Amt decken, nicht jedoch den Aufwand.

Die Fahrt wird etwa 4 ½ Stunden dauern. Das erste Hindernis bietet sich uns nach etwa 2 ½ Stunden Fahrt in der Gebirgs- und Grenzstadt Kumily. Um zu passieren, müssen wir noch ein Formular in zweifacher Ausführung ausfüllen und abgeben. Das Formular haben sie allerdings nicht da, sondern an der Wand hängt ein Muster, das man abschreiben kann. Ob sie Papier haben? Nein, das müssen wir erst noch beim Geschäft in der Straße kaufen. So stehe ich verwirrt im Flur, während Mathew und Pradeep herumwuseln, um alle Forderungen zu erfüllen. Nach etwa 20 Minuten geht es dann weiter. Endlich sind wir in Tamil Nadu! Von fast 900m über dem Meeresspiegel geht es jetzt wieder runter in das breite Cumbum-Tal. Die Serpentinen dort hinunter sind schmal und so dauert die Fahrt eine Weile, da hier auch viel Bus- und LKW-Verkehr herrscht. Unten angekommen führt eine lange gerade Straße bis in die Stadt Cumbum – unser Ziel! Auf dem Weg dahin halten wir ab und zu – ein bisschen indische Gelassenheit muss sein – und ich kann die bunte Kleidung und Offenheit der Menschen bewundern und mir ein Bild von Tamil Nadu machen. Das Klima, die Sprache, die Häuser, die Menschen – alles ist hier doch sehr anders als im Nachbarstaat Kerala.

 

Am Ziel angekommen folgt die Ernüchterung: Den gesuchten Laden gibt es nicht mehr. Zumindest für mich ist das nach der langen Fahrt eine unerwartete Wendung. Mathew nimmt’s gelassen – so läuft das hier. Also machen wir uns auf die Suche nach einem anderen Laden. In und um Cumbum herum leben zahlreiche Menschen von der Landwirtschaft, hier muss es also irgendwo Samen zu kaufen geben. Die Suche gestaltet sich etwas schwierig, da es indische Sitte ist, selbst wenn man keine Information hat, Informationen weiterzugeben. Außerdem spricht man hier in Tamil Nadu kein Malayalam, die Amtssprache in Kerala. Es ist also Englisch gefragt – oder Hand und Fuß. So werden wir mal hierhin geschickt, mal dorthin und laufen im Zickzack durch die kleine Stadt.

Irgendwann folgen wir einem Mann in eine Wohngegend, in der es kaum Geschäfte gibt, und tatsächlich ist hier ein kleiner unscheinbarer Laden, der uns Samen verkaufen kann. Dass wir den gefunden haben, kann ich kaum glauben. Das nächste Hindernis ist also überwunden. Leider ist die Auswahl in dem kleinen Laden nicht groß genug. Mathew braucht eine größere Menge an Samen – also folgen wir dem Tipp der Angestellten und fahren zur Tamil Nadu Agricultural University, die sich eineinhalb Stunden von hier entfernt befindet. Da soll es mehr Auswahl geben. Wo genau die Uni sich befindet, wissen wir nicht (in Tamil Nadu hat man auch kein Handy-Netz aus Kerala mehr) und so fahren wir in Richtung der uns genannten Stadt und fragen uns durch. Tatsächlich erreichen wir die Uni fast zwei Stunden später und sprechen einen Wachmann am Gate 3 an, wo man hier Samen kaufen könne. Heute könne man das nicht, meint er, denn die Uni feiere “Holiday”. Was für einen Feiertag genau er meint, finden wir nicht heraus. Nun, damit haben wir nicht gerechnet. Wir fragen nochmal beim Nachbarn nach, der uns den Tipp gibt, es bei Gate 1 einmal zu versuchen, was wir tun und siehe da, hier hat die Uni keinen Feiertag! Wieder sind wir dem Ziel etwas näher!

Unsere letzte Herausforderung ist es nun, hier auf dem Uni-Gelände den Verkaufsort für unsere Pflanzensamen zu finden. Wir fragen uns durch und sitzen recht schnell im Büro des Department of Vegetable Crops. Hier bekommen wir eine Übersicht über das Angebot und Mathew macht seine Bestellung. Diese muss nun von uns und der Assistentin des Professors zur Pflanzensamenausgabe gebracht werden. Durch Mathews Machtwort (durch sein Alter hat er eine gewisse Stellung) traut sich die junge Frau auch alleine mit Pradeep im Auto dorthinzufahren (zu Gate 3). Dass eine junge Frau mit einem unbekannten Mann im Auto sitzt, ist in Indien keine Selbstverständlichkeit. Mathew und ich warten derweil beim Hauptgebäude – etwa eine Stunde lang. Später erzählt uns Pradeep, der Zuständige habe gerade Mittagspause gemacht, also mussten die zwei warten, bis er aufgegessen hatte. Anschließend mussten sie zur Quittungsstation und danach zur Kontrollstation, bevor sie den Einkauf für 13 Euro mitnehmen konnten. Das ist indische Bürokratie – und ich dachte immer, die deutsche Bürokratie sei kompliziert 😉

 

Auf der Heimfahrt lasse ich den Tag Revue passieren. Wenn es so ein großer Aufwand ist, Pflanzensamen einzukaufen, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie all die Projekte des BASIS umgesetzt werden konnten. Um deine Ziele zu erreichen, musst du hier sehr strapazierfähig sein, viele kleine Alltagsprobleme lösen und dabei vor allem eins haben: Geduld.

Mathew sagt am Ende noch zu mir: „Was ich in diesem Leben nicht mehr erledigen kann, das muss ich nach meiner Wiedergeburt fortführen.“ Vielleicht muss man so denken können, um in Indien seine Träume zu leben.

(Danke an unsere Praktikantin Katharina für den tollen Beitrag!)

 

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